Flugplatzgeschichte Großenhain
  1913 bis 1919
 
Die Militärfliegerstation (1913/14-1919)
 
Bereits im Jahr 1910 wurden von Privatunternehmen an das Sächsische Kriegsministerium Angebote zur Ausbildung von Militärfliegern herangetragen. Diese erfolgte dann ab 1911 vor allem auf Militärflugplätzen außerhalb Sachsens sowie an der Fliegerschule des Unternehmens Deutsche Flugzeug-Werke GmbH (DFW) in Lindenthal bei Leipzig. Wegen der wachsenden Bedeutung der Militärfliegerei stellte sich jedoch immer dringender die Forderung nach dem Bau einer großen Militärfliegerstation auch in Sachsen.
 
Zunächst wurden Plätze bei Zeithain und Großenhain in Erwägung gezogen. Viele der heute noch existierenden historischen Quellen und zeitgenössischen Militärkalender listen daher fälschlicherweise Zeithain als Standort der am 1. Oktober 1913 neu geschaffenen 3. (Königlich-Sächsischen) Kompanie des Königlich-Preußischen Flieger-Bataillons No.1 auf. Tatsächlich lag die neue Einheit zunächst auf dem Flugplatz Döberitz bei Berlin. Doch ihr Kompaniechef, der königlich-sächsische Hauptmann Horst Benno Adolph von Minckwitz (1877-1956), entschied sich nach Besichtigung der Lokalitäten für einen der zwei - ursprünglich sogar drei - nahe Großenhain vorgeschlagenen Plätze.

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Horst von Minckwitz - Organisator der sächsischen Militärfliegerei
(Foto: Sammlung Heerde)

 
Am 15. November 1913 konnte das „Großenhainer Tageblatt“ stolz verkünden, daß das von der Stadt dem Militär angebotene Gelände von diesem für den Bau einer Fliegerstation gepachtet wurde. Noch am selben Tage wurden die Baugerüste angefahren! Neben einer Fliegerkaserne für die Mannschaften, einem Familienhaus für Unteroffiziere, einem Automobilschuppen und einer Flugzeugwerft wurden drei 173 m lange Flugzeughallen für die Unterbringung von zunächst 60 Flugzeugen gebaut. Eine provisorische Kantine versorgte die Bauarbeiter und bald eintreffende Militärpersonen und trug den Namen „Propeller-Schänke“.
 
Am 21. Februar 1914 landete das erste Militärflugzeug – eine „Taube“ der sächsischen Firma DFW mit der Militärbestellnummer A 184.13 – von Döberitz kommend in Großenhain. Die Besatzung Lt. Emil Clemens / Lt. Rudolf Hasenohr nahm eine Mahlzeit ein, und flog, nachdem das Flugzeug beölt und betankt worden war, nach Döberitz zurück.

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DFW-Taube A 184.13 - im Hintergrund Gebäude der Husaren-Kaserne
(Foto: Sammlung Rieß)


Am 16. März 1914 trafen planmäßig die Angehörigen der 3. Kompanie mit der Eisenbahn in Großenhain ein. Am Mittag des folgenden Tages erfolgte ihre feierliche Begrüßung auf dem Hauptmarkt Großenhains durch Bürgermeister Max Hotop, die Husaren des Großenhainer Husaren-Regimentes No.18, vaterländische Vereine und tausende Großenhainer Bürger.
 
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Die Fliegersoldaten in der Mitte des Hauptmarktes am 17. März 1914
(Foto: Sammlung Heerde)

 
Wenige Tage später trafen die ersten Militärflugzeuge per Bahn ein und am 1. April wurde der reguläre Flugbetrieb aufgenommen. Bei Flugwettbewerben errangen Großenhainer Flieger bald erste Erfolge. Am 1. Juli 1914 besuchte der sächsische Königs Friedrich August III. (1865-1932) erstmals persönlich die Fliegerstation. Dem Monarch wurde die Flugtechnik erläutert. Eine Besatzung flog schnell zum königlichen Schloß nach Moritzburg und fotografierte es mit einer sogenannten Pistolenkamera (deren Griff erinnerte an eine Pistole). Die belichtete Platte wurde innerhalb kürzester Zeit in einem Flugzeugzelt entwickelt und dem König vorgelegt. Auch zahlreiche Zuschauer aus Großenhain und Umgebung besichtigten den Platz und bestaunten die Flugvorführungen am Himmel.
 
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Luftaufnahme der Fliegerstation mit Landekreuz im Jahr 1914
(Foto: Sammlung Täger)

 
Mit dem Ausrufen der Mobilisierung am Abend des 1. August 1914 verschwand diese entspannte Offenheit des Militärs völlig. In der Nacht vom 3./4. August forderte die Kriegshysterie in Großenhain ihr erstes Opfer. Ein auf dem Weg zu seiner Einheit befindlicher Leutnant - Georg Wolf von Tümpling – wurde von einem Wachposten des Flugplatzes an der Elsterwerdaer Straße erschossen. Der mit seiner Frau reisende Landwehroffizier hatte den Haltebefehl des Postens in seinem Automobil offenbar überhört.
 
Auf dem Großenhainer Flugplatz wurden in den ersten Augusttagen drei Feld-Flieger-Abteilungen zu je 6 Flugzeugen und ein Etappen-Flugzeug-Park mit etwa 11 Flugzeugen aufgestellt. Nachdem die Feld-Flieger-Abteilungen 23, 24 und 29 sowie der EFP 3 mit vielen später berühmten Fliegern an die Westfront gefahren waren, blieb das Gelände der Königlich-Sächsischen Fliegerstation Großenhain fliegerisch erst einmal unausgelastet. Doch dies änderte sich schnell. 600 Mann des Freiwilligen Marine-Flieger-Korps übersiedelten aus Johannisthal bei Berlin, wo es ihm zu eng geworden war, im September 1914 nach Großenhain. Doch bereits vor Weihnachten 1914 verließen die letzten der Marinelandflieger die Fliegerstation in Richtung an der Küste oder an in Flandern gelegener Flugplätze. Indessen war Hauptmann Horst von Minckwitz, der als Kommandeur der Feld-Flieger-Abteilung 24 im August ins Feld gerückt war, schon in die Heimat zurückberufen worden. Er erhielt den Auftrag, auf dem Gelände der Königlich-Sächsischen Fliegerstation Großenhain die Königlich-Preußische (!) Flieger-Ersatz-Abteilung Nr.6 aufzubauen.
 
Ersatzabteilungen sollten den Ersatz an Personal, Bekleidung, Ausrüstung, Bewaffnung und deren Nachschub sichern. Der Ersatzabteilung in Großenhain wurden mehrere Fliegerschulen in Großenhain, Leipzig und Wurzen angegliedert. Die Formation wuchs unter wechselnden Kommandeuren bis 1918 auf eine Personalstärke von über 5000 Mann. Auch galt die Einheit als militärische Musterformation, die häufig von hohen Militärs, Politikern, ausländischen Luftwaffenoffizieren sowie Persönlichkeiten neutraler Nationen besucht wurde. So erfolgte an der Kondor-Fliegerschule in Großenhain auch die erfolgreiche Grundausbildung von 25 der 30 delegierten österreichisch-ungarischen Pilotenschüler-Aspiranten der k.u.k. Luftfahrtruppe.
 
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Personal und Schüler vor den Gebäuden der Kondor-Fliegerschule
(Foto: Sammlung Heerde)


Ebenso wurde die bulgarische Luftfahrt in ihrer Entwicklung durch die Sachsen rege unterstützt. Der heutzutage bekannteste Schüler in Großenhain war Manfred von Richthofen, der im Juni 1915 einen Beobachterkursus hier ablegte.
 
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Absturz am 10. August 1916 in Folbern ins Gehöft von Otto Techert
(Foto: Sammlung Heerde)

 
Im Herbst 1917 war Horst von Minckwitz, der im August 1915 den Platz verlassen hatte und bei der Inspektion der Fliegertruppe für den Bau von Fliegerstationen verantwortlich war, nach Großenhain zurückgekehrt, um die FEA 6 befehlsgemäß in eine königlich-sächsische Formation umzuwandeln. Der Personalersatz für die Abteilung kam nunmehr gänzlich aus dem Königreich Sachsen sowie aus der benachbarten preußischen “Provinz Sachsen“.
Horst von Minckwitz stieg gegen Kriegsende zum Kommandeur der Flieger in der Heimat Nr.5 auf. Ihm unterstanden mehrere Fliegerformationen und Flugplätze in Sachsen und Brandenburg. Da die neue Unterkunft für den Koflheim 5 in Dresden noch nicht fertig war, überraschten Major von Minckwitz die Ereignisse der Novemberrevolution noch in Großenhain. Deshalb wurde er oft fälschlich als letzter Kommandeur der FEA bezeichnet.
 
Da es besonders unter den Angehörigen der 2. Kompanie – der sogenannten Werftkompanie – der FEA 6 viele Leipziger Sozialdemokraten gab und selbst der Führer der Werft, Leutnant Edgar André, revolutionär gesinnt war, kam es auf dem Flugplatz am 6. November zur Machtübernahme durch die Revolutionäre. Es handelte sich dabei um den ersten derartigen Vorgang in einer großen Militäreinheit im Königreich Sachsen.
 
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Revolutionäre in der Volkswehr zu Fuß vorm Flieger-Ehrenmal
(Foto: Sammlung Heerde)


Doch der Einfluß der Revolutionäre auf die Geschicke des Flugplatzes währte nur wenige Monate. Viele sahen mit den Wahlen zur Nationalversammlung im Frühjahr 1919 die Ziele der Revolution als erfüllt an. Außerdem kam es zu einer Restauration der Macht der zeitweilig entmachteten Offiziere, die mit der Begründung des Reichswehrfliegerhorstes Großenhain am 1. Oktober 1919 zunächst ihren Abschluß fand.
 
Heute sind noch die ehemalige Fliegerkaserne, das Familienhaus für Unteroffiziere, eine Flugzeughalle (Nr.5), der Automobilschuppen, die alte Flugzeugwerft – als älteste ihrer Art in Deutschland – und die ehemalige Fliegerfunkerkaserne aus dieser Zeit erhalten geblieben. In den 1990er Jahren wurden das ehemalige Wirtschaftsgebäude und das Wachgebäude am früheren Haupteingang der FEA 6 abgerissen. Ein ähnliches Schicksal könnte einigen der noch verbliebenen alten Gebäude drohen, wenn sich nicht bald Investoren finden lassen.
 
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